Saarbrücker Hefte 117/118 - Editorial

Preisgekrönt und angefeindet

Am 18. Mai wurde unser Redakteur Julian Bernstein in Nürnberg mit dem »Alternativen Medienpreis« in der Kategorie »Geschichte« ausgezeichnet. Sein prämierter Artikel »Historiker als Mythenproduzenten« ist auf der Webseite der Saarbrücker Hefte erschienen und fasst seine Recherchen zur NS-Vergangenheit des früheren saarländischen Ministerpräsidenten Franz Josef Röder zusammen. Wir freuen uns gemeinsam mit unserem Redaktions­kollegen über diese verdiente Anerkennung. Zusammen mit unserem Autor Erich Später hat er in den Heften eine wichtige Debatte zur hiesigen Lan­desgeschichte angestoßen, die sich im letzten Jahr auf unerfreuliche Weise zugespitzt hat. Nach dem ursprünglichen Versuch, eine Debatte über die NS-Vergangenheit Röders durch Totschweigen zu unterbinden, gehen die Akteure des »Schweigekartells« nunmehr dazu über, massiv diejenigen anzu­feinden, die kritische Fragen stellen. Dabei scheinen alle Mittel recht zu sein. So hat Landesarchivar Peter Wettmann-Jungblut in den saargeschichte|n Nr. 2 (2017) unsere Autoren der Lüge bezichtigt. Auch die »Kommission für Saarländische Landesgeschichte« sah sich jüngst zu einer Stellungnahme zur »Röder-Debatte« veranlasst und behauptet, unsere Autoren würden nicht entlang verifizierbarer Fakten arbeiten. Dabei stört sich die Kommis­sion selbst offensichtlich weder an der jahrelangen Schweigepraxis saar­ländischer Historiker noch daran, die Positionen unserer Autoren in ihrer Stellungnahme sinnentstellt wiederzugeben. Höhepunkt der Angriffe gegen die Hefte stellt ein Schreiben der Saarländischen Staatskanzlei an den Inten­danten des Saarländischen Rundfunks dar. Nachdem sich Uwe Loebens in einem vom SR-Fernsehen ausgestrahlten Beitrag sowie im Rahmen eines von SR 2 KulturRadio gesendeten Interviews kritisch mit dem Verhalten der Archivare Peter Wettmann-Jungblut und Hans-Christian Herrmann in der Debatte um Röder auseinandergesetzt hatte, verlangte die Staatskanzlei vom SR eine »ausgewogenere« Berichterstattung – gemeint ist eine weni­ger kritische. Ihre Verachtung für die Hefte brachte sie zum Ausdruck, indem sie im Jargon des Kalten Krieges von den »sogenannten Saarbrücker Heften« schreibt.

Wir werden die Debatte fortführen und widmen ihr den ersten Schwerpunkt dieser Ausgabe. Eine Antwort auf den bereits erwähnten Aufsatz Wettmann-Jungbluts gibt Julian Bernstein. Seine mehrfache Bitte an die Redak­tion der saargeschichte|n, seine Replik auf die Angriffe Wettmann-Jungbluts abzudrucken, hatte keinen Erfolg. Ebenso vergeblich setzte sich auch der frühere Saarbrücker Bürgermeister Kajo Breuer für den Abdruck eines Offe­nen Briefes zur Debatte ein. Beide wurden noch nicht einmal einer Antwort für würdig gehalten. Die Leserinnen und Leser der Hefte finden Bernsteins Replik sowie den Offenen Brief Breuers nun auf den folgenden Seiten und können sich ihr Urteil bilden. Gleiches gilt hinsichtlich des Schreibens der Staatskanzlei an den SR, das uns zur Kenntnisnahme gelangt ist und das wir dokumentieren.

Während das saarländische »Schweigekartell« behauptet, unsere Autoren würden nicht seriös arbeiten, gelangen international anerkannte Experten zu einem ganz anderen Urteil. Der in Wien tätige Historiker Johannes Koll konstatiert in seiner hier wiedergegebenen Stellungnahme zum »Fall Röder«, dass »insbesondere Erich Später und Julian Bernstein wichtige Beiträge« zum aktuellen Forschungsstand geliefert haben. Das Schwerpunktthema schließen wir durch Nachdruck eines im April 2018 in der Zeitschrift konkret veröffentlichten Artikels unseres Autors Stefan Ripplinger ab.

Einen weiteren kleinen Schwerpunkt der vorliegenden Ausgabe bildet der 200. Geburtstag von Karl Marx. Herbert Temmes hat aus diesem Anlass ein Gespräch mit Alex Demirovic geführt. Von Heinz Monz stammt ein Beitrag zu Lenchen Demuth aus St. Wendel, die bekanntlich die Haushälterin des Verfassers der »Grundrisse der politischen Ökonomie« sowie des »Kapital« war. Stefan Ripplinger widmet sich dem Thema dann noch auf eigene Weise.

Weitere Beiträge beschäftigen sich mit der aktuellen Flüchtlingspolitik sowie mit Flüchtlingsschicksalen während der NS-Zeit. Thomas Döring zeichnet den Lebensweg Horst Bernards nach, der im September letzten Jahres 85 Jahre alt geworden ist und der sich aufgrund eigener Erlebnisse für die ehe­maligen Gefangenen des Gestapo-Lagers Neue Bremm in Saarbrücken enga­giert. Harald Glaser resümiert in seinem Artikel die seit fast zwanzig Jahren – Ganser-Gutachten 2000 – vertanenen Chancen und den hinter wohlmei­nenden Ankündigungen versteckten Schlendrian im Umgang mit den indus­triekulturellen Zeugnissen im Saarland.

Sadija Kavgic, die neu in der Redaktion mitarbeitet, berichtet im »Fenster nach Albanien« über Reiseerlebnisse im Land der Skipetaren. Ins Harem der Worte und Sätze entführt uns Georg Bense in einem Gespräch mit dem Lei­ter des Literaturarchivs Saar-Lor-Lux-Elsass Sikander Singh über ein Schreib­seminar an der Universität des Saarlandes. Galerie und Literatur dürften wie immer das Interesse unserer Leserinnen und Leser wecken. Die Fotos zwi­schen den einzelnen Rubriken wurden im Verlauf der Eröffnung des Vierten Pavillons der Modernen Galerie von Kerstin Krämer aufgenommen. Sie hat uns diese freundlicherweise zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt.

Zwei der bedeutendsten Vertreter aktueller saarländischer Literatur, Arnfrid Astel und Ludwig Harig, gedenken Jörg W. Gronius und Georg Bense. Erinnert werden soll auch an den langjährigen Schriftleiter der Saarbrücker Hefte, Dieter Heinz, der 2017 verstorben ist. Joachim Heinz hatte in der letz­ten Ausgabe der Hefte noch einen Beitrag über Max Braun veröffentlicht. Er starb im November 2017. Ebenso gedenken wir unserem Autor Manfred Geiger. Für die Ausgabe 74 der Hefte vom September 1995 verfasste er den weiterhin aktuellen Artikel »Ruhe herrscht erst, wenn nur noch still gebettelt wird!«. Er starb Ende Dezember des vergangenen Jahres.

Bernhard Dahm

P.S.:

Nach Redaktionsschluss erreichte uns ein Offener Brief an den Generaldi­rektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Meinrad Maria Grewenig, aus Anlass der Errichtung eines Mahnmals für die Zwangsarbeiter der Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke. Der Brief beinhaltet im Wesentlichen diesel­ben Positionen, wie sie Gegenstand einer redaktionsinternen Diskussion zu dem Thema waren. Nachdem jahrelang ein Denkmal für die Zwangsarbeiter der Eisen- und Stahlwerke auf dem Gelände des Weltkulturerbes gefordert wurde, hat Grewenig im Alleingang ohne Künstler-Wettbewerb und öffent­liche Diskussion verkündet, mit Unterstützung der Röchling-Stiftung ein Mahnmal von dem Erinnerungskünstler Christian Boltanski errichten lassen zu wollen. Zurecht weisen die Verfasser des Offenen Briefes, unter anderem das Aktionsbündnis Stolpersteine Völklingen, die Friedensgruppe Völklin­gen, der VVN-Bund der Antifaschisten Saar, die Bürgerinitiative gegen das Vergessen und die Gleichgültigkeit sowie die Rosa-Luxemburg-Stiftung Saar­land, darauf hin, dass der Ansatz des Künstlers, das Thema Schuld in seiner Groß-Installation unberücksichtigt lassen zu wollen, kritisch zu hinterfragen ist. Hermann Röchling als Verantwortlicher für die an den Zwangsarbeitern, ausländischen Arbeitern und Kriegsgefangenen begangenen Verbrechen sei zu benennen, auch wenn dadurch die Röchling-Erben als Hauptsponsoren möglicherweise nicht mehr zur Verfügung stünden. Auch müssten die Opfer der Zwangsarbeit, welche im Ersten Weltkrieg bei Röchling zur Arbeit ge­zwungen wurden, in das Gedenken einbezogen werden. Eine öffentliche Dis­kussion trage auch dazu bei, das inhaltliche Konzept von Herrn Boltanski, der mit dem Denkmal »den Arbeitern Ehre erweisen« möchte, ohne zu unterscheiden, ob Beschäftigte ihre Arbeitskraft freiwillig dem Unternehmen zur Verfügung gestellt hätten oder ob sie gefangen genommen, verschleppt und zur Arbeit in der Rüstungsschmiede gezwungen worden seien, zu hinterfragen.