Saarbrücker Hefte 115/116 Editorial

Im Gedankendschungel

 

Eigentlich will der Protagonist unseres Aufmacherartikels mit der provokanten Überschrift "Ich heirate den Islam" nichts anderes als mit seiner neuen Freundin glücklich sein. Er hat sie im Internet kennengelernt und sich in sie verliebt. Doch schnell zeigt sich, daß das gar nicht so einfach ist: Die Auserwählte ist Muslima! Was der Autor des Artikels dann erzählt, ist eine Geschichte, die nicht nur interessant ist, sondern jede Menge Zündstoff enthält. In ihr geht es um die Beziehung zwischen einer jungen Frau, die zwischen dem traditionellen Islam und dem westlichen Leben hin und her gerissen ist, die Angst hat, von ihrer Familie verstoßen zu werden, wenn sie sich mit einem nichtmuslimischen Mann einläßt. In ihr geht es um einen jungen Mann, der in unserer liberalen und säkularen Welt groß geworden ist, einen "deutschen Atheisten mit christlichen und jüdischen Wurzeln", der vor den Problemen, die sich seiner neuen Liebe entgegenstellen, nicht kapitulieren will. Es ist die Geschichte zweier junger Leute auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Es ist aber auch eine Geschichte, in der die aktuellen politischen Debatten über Religion und Toleranz, Integration und Abgrenzung nicht ausgeklammert werden. Der Autor erzählt uns diese Geschichte, ohne zu dramatisieren und ohne etwas zu beschönigen: aufrichtig, nachdenklich, witzig und ironisch.

 

Der Artikel "Ich heirate den Islam" ist unter Pseudonym ursprünglich in der Wochenzeitung Die Zeit erschienen. Er hat dort für einigen Wirbel gesorgt und auch in den sozialen Medien war die Resonanz groß. Die Saarbrücker Hefte drucken ihn in leicht geänderter Fassung.

 

Nicht ganz so dramatisch, aber auch keineswegs problemlos geht es in der Erzählung, die am Anfang unseres literarischen Teils steht, zu. Es ist die Erzählung der Schlüsseltausch, in der es heißt: "Ich bin meist bis zur Brust im Gedankendschungel versunken." Anfang der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts wurde das geschrieben und der im Gedankendschungel Versunkene ist kein Geringerer als Arno Schmidt, der große Sprachmaniak und Autor von Zettel's Traum. Schmidt war damals ein unbekannter und mittelloser Flüchtling aus Schlesien, den es nach Kastel im Kreis Saarburg, gleich hinter der saarländischen Grenze, verschlagen hatte. Dort hatte man ihm und seiner Frau Alice eine bescheidene Zwei-Zimmerwohnung mit Außenklo in einem Bauernhaus zugeteilt. Eine "verkrachte Existenz" nannte er sich in einem Anflug von Sarkasmus und Verzweiflung selbst damals. Seine Frau hat es in ihrem Tagebuch berichtet. Mit einem Artikel von Bernd Rauschenbach runden wir unsere kleine Arno Schmidt-Hommage ab. Unter der Über- schrift "Mit Krach raus, mit Krach rein" erzählt der Schmidt-Kenner Rauschenbach über die schwierigen 50er Jahre des jungen Arno Schmidt an der Saar.

 

Fester Bestandteil der Saarbrücker Hefte ist seit vielen Jahren die Fenster nach-Rubrik. Ursprünglich als Fenster nach Frankreich begonnen, ist dieses Fenster längst auch in andere Himmelsrichtungen und Weltgegenden geöffnet. Unser Autor Jörg W. Gronius blickt diesmal auf das ferne Südkorea. Dort war er mit der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern auf einer Konzert-Tournee unterwegs.

 

Was bietet die aktuelle Ausgabe der Hefte sonst noch?

In einem Interview, das Herbert Temmes mit Michael Genth, dem Vorsitzenden des Vereins für Handel und Gewerbe, führte und einem Artikel von Silvia Buss kümmern wir uns um aktuelle Fragen der Saarbrücker Stadt- und Verkehrsentwicklung. Stefan Ripplinger erinnert an den Künstler Otto Freundlich, der lange Zeit fast vergessen war, der zur Zeit aber im Kölner Basler Kunstmuseum mit einer großen Retrospektive wieder entdeckt wird und der, wie Ripplinger berichtet, auch im Saarland Spuren hinterlassen hat. Unser Zeitgeschichte-Fachmann Joachim Heinz schreibt über den saarländischen Politiker und Antifaschisten Max Braun und die Medizinerin Gisela Tascher beschäftigt sich mit dem immer noch weitgehend tabuisierten Thema Zwangssterilisation im Rheinland und an der Saar während der NS-Herrschaft.

Lesenswert, gerade jetzt, wo die Zeit des bedruckten Papiers zu Ende zu gehen scheint – es wird wohl so kommen – ist auch Robert Karges mediengeschicht- licher Beitrag Die ganze Welt auf Papier. In ihm blättert der Autor noch einmal zurück in die Blütezeit des bedruckten Papiers, als Flugblätter und Druckgrafiken wichtige und weit verbreitete Informationsmedien waren, als es auch in unserer Nachbarschaft, in Wissemburg und Epinal – im 18. und 19. Jahrhundert war das große Manufakturen gab, die Bilderbögen, Flugblätter und Graphiken en masse anfertigten, druckten und verbreiteten.

 

Dietmar Schmitz