Saarbrücker Hefte Nr. 112 - Frühjahr 2015

"Sag zum Abschied leise Grewenig"

Wie gehen wir mit unserer industriellen Hinterlassenschaft um? Das war einmal ein heiß diskutiertes Thema im Land, ein richtiger Aufreger. Inzwischen haben sich die Wogen geglättet. Alles, so scheint es, geht seinen geregelten Gang und alle haben sich – irgendwie - arrangiert: mit dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte und seinem Zampano Meinrad Maria Grewenig, mit dem Dino-Zoo in Reden und auch mit den halben Sachen und dem Stillstand in Göttelborn.

Alle? Nicht unser Autor Josef Reindl. Der hat das »Panoptikum der saarländischen Industriekultur« noch einmal gründlich unter die Lupe genommen und kommt dabei zu interessanten, wenn auch für die Betroffenen nicht unbedingt schmeichelhaften Ergebnissen. Mit seinem ausgreifenden und erfrischend angriffslustigen Essay mit dem Titel Das Elend der Saarländischen Industriekultur eröffnen wir das Heft.

Auch unser zweites Thema hat es in sich. Die Regierung des Landes ist gerade dabei, mit einer rigiden Sparpolitik die Universität in Saarbrücken nach allen Regeln der Kunst kaputt zu sparen. Aber niemand regt sich darüber richtig auf! Ja, die Studenten haben mal kurz den Aufstand geprobt und sind auf die Straße gegangen. Das war´s aber auch schon. Ansonsten folgen Medien und Öffentlichkeit handzahm den Vorgaben der Politik. Auch dem Präsidenten der Universität ist viel zu lange nichts Anderes eingefallen als Anpassungsrhetorik und Durchhalteparolen. Die Saarbrücker Hefte haben sich deshalb noch einmal auf den Weg an die Uni gemacht und ein ausführliches Gespräch mit Professor Eike Emrich vom Arbeitsbereich Sportökonomie und Sportsoziologie und seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Freya Gassmann geführt. Prof. Emrich deshalb, weil er sich eingehend mit der Kosten-Nutzensituation der Universität beschäftigt hat und zu dem Ergebnis gekommen ist, daß von jedem Euro, den das Land in die Universität investiert, summa summarum ein Euro sechzig an das Land zurück fließt. Konservativ gerechnet! Die Regierung, so das doch einigermaßen erstaunliche Fazit unseres Gesprächs mit den beiden Wissenschaftlern, nutzt dieses Potential der Universität aber nicht. Im Gegenteil: sie zerstört mit ihrer »rigiden Sparpolitik« die Universität. Auch mit den aktuell zugesagten zusätzlichen Mitteln hält sie das Ausbluten der Universität nicht auf, sondern verlangsamt es nur. Statt also die Universität tot zu sparen, so die Wissenschaftler, wäre es viel sinnvoller, in sie zu investieren. Außerdem: Und auch darauf macht Prof. Emrich aufmerksam: Eine prosperierende Universität verbessert die Einnahmesituation des Landes und hilft damit auch der Regierung in ihrem Kampf um die politische Unabhängigkeit des Landes.

Wie es unsere Leser gewohnt sind, bringen wir auch diesmal einen ausführlichen zeithistorischen Block. Wir berichten über Fußball in Neunkirchen während der Zeit des Ersten Weltkriegs, über die Geschichte des Neunkircher Kaufhauses Witwe Levy und bringen einen Auszug aus den Lebenserinnerungen des Saarbrücker Rabbiners Schlomo Rülf.

Apropos Erinnerungen. Vor 40 Jahren wurde die Städtepartnerschaft Tbilissi-Saarbrücken geschlossen. Herbert Temmes erinnert in seinem Beitrag an dieses Datum und hat mit Marianne Granz – sie war maßgeblich an ihrer Entstehung beteiligt – über die Partnerschaft gesprochen.

Natürlich findet auch die Literatur im neuen Heft ihren gebührenden Platz. Vom Saarbrücker Autor Jörg W. Gronius drucken wir Gedichte und die Erzählung Vor dem Einstieg. Außerdem lassen wir den jungen Völklinger Autor Konstantin Ames – zur Zeit in Berlin ansässig – zu Wort kommen. Er hat einen Text geschrieben, in dem alles, wie er es nennt, »futsch verrutscht« ist, und in dem auch der schön-futsch-verrutschte Satz »Sag zum Abschied leise Grewenig« unserer Überschrift zu finden ist. Völklingen ist eben überall, Grewenig sowieso.

Und ganz zum Schluß auch das noch: Die Stadtmütter und – Väter Saarbrückens haben beschlossen, mal eben die Stelle des Kulturdezernenten einzusparen! Daß gespart werden muß in der Stadt, das sehen natürlich auch wir ein. Wir können uns sogar vorstellen, daß der eine oder andere Dezernent entbehrlich ist. Daß es aber wieder die Kultur ist, die bluten muß, darüber können wir uns dann doch richtig aufregen.

Trotzdem: Wir wünschen unseren Lesern viel Spaß mit den neuen Saarbrücker Heften.

Dietmar Schmitz