Editorial Nr. 108 - Saarland Märchenland

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte der Holzhacker das tägliche Brot nicht mehr schaffen.

Hänsel und Gretel, Verzeihung, Annegret und Heiko, regieren dieses Land seit einem Jahr. Vor nicht allzu langer Zeit wurde die Mär gebracht, daß ihr Land alsbald viel sparen müsse, um kein fremdes Geld mehr aufzunehmen. Dies heißet man die Schuldenbremse und ward ein böser Fluch. Und Hänsel und Gretel, pardon, Annegretel und Heiko, durften nicht mehr in der warmen Stube bei Vater und Mutter bleiben, sondern wurden verjagt. Damit sie sich aber nicht ganz und gar verlaufen würden, nahmen sie ihr Poesiealbum mit.

Der vorliegende Koalitionsvertrag wird dabei Richtschnur und Grundlage unseres politischen Handelns sein.

Darin stehen Sätze, die ihnen Mut machen.

Bei der Bewältigung dieser großen Zukunftsaufgaben brauchen wir Geschlossenheit, Handlungsfähigkeit und den Mut, Prioritäten zu setzen.

Sie wandern in einen tiefen, tiefen Wald voller Unbill und schrecklicher Verwünschungen.

Ausgehend von den durch die Schuldenbremse vorgegebenen Defizitobergrenzen und unter Beachtung der Notwendigkeit, die beim Stabilitätsrat für den Zeitraum bis 2016 anzumeldenden jährlichen Nettokreditaufnahmen in gleichmäßigen Schritten zurückzufahren, sind aus heutiger Sicht jährliche Konsolidierungsbeiträge in Höhe von 65 Mio. EUR erforderlich.

Zitternd lesen sie in ihrem Album aufmunternde Sinnsprüche.

Chancen nutzen. Zusammenhalt bewahren. Eigenständigkeit sichern.

Der Wald aber steckt voller böser Flüche und süßer Verlockungen.

Wir wollen gute Arbeit in einer starken Wirtschaft.

Als Kinder haben sie gelernt, wenn die Stiefmutter gar zu garstig war, daß man die Äuglein schließen und an das Gute glauben muß.

Wir müssen die seit Jahren anhaltende wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung auf hohem Niveau halten.

Zuweilen schwirren ihnen die Köpflein vor lauter Kümmernissen.

Wir müssen die Rückführung der öffentlichen Neuverschuldung auf der Basis der Schuldenbremsen-Vereinbarung konsequent fortsetzen.

Einmal wird es ganz still um sie. Schüchtern heben sie die Hand zum Schwur.

Beide werden ihr Handeln dabei am Prinzip der ökologischen, ökonomischen und sozialen Vernunft ausrichten.

Ängstlich aneinandergeschmiegt, pfeifen sie trotzig ein Liedchen vor sich hin.

Die Koalitionspartner bekennen sich zur Gestaltung eines zukunftssicheren Saarlandes.

Oft denken sie wehmütig an ihr Zuhause zurück und fangen an zu träumen: Wenn sie herausfänden, wohnten sie wieder bei Vater und Mutter – gar in einem schönen großen Haus.

Wir wollen ein Saarland als Modellregion im Herzen Europas.

Schöne große Häuser aber sind teuer, hat ihnen die Mutter immer barsch gesagt. Und daß es besser ist, alte Gemäuer wieder herzurichten.

Sanieren und Investieren sind zwei Seiten einer Medaille.

Der Vater hat ihnen vor langer Zeit noch ein paar Brocken auf den Weg gestreut. Davon zehren sie voller Hoffnung auf eine Rückkehr.

Die Möglichkeit der Anhebung der Steuern auf große Erbschaften wird unter Berücksichtigung von Aspekten der Verfassungsgemäßheit und der Sozialverträglichkeit geprüft.

Ganz egal jedoch wohin Annegretel und Heiko sich auch wenden, aus dem finsteren Wald führt nur ein einziger Weg hinaus:

Alle im Koalitionsvertrag dargestellten kostenwirksamen Vereinbarungen stehen unter einem allgemeinen Haushaltsvorbehalt.

Finis
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Vielleicht werden wir dieses Märchen dereinst, möglicherweise schon im nächsten Heft, in anderer Form fortsetzen können, nämlich dann, wenn sich in der saarländischen Regierungspolitik wirklich einmal etwas Berichtenswertes ereignen sollte.

In diesem Heft berichten wir dagegen überwiegend aus den schönen Künsten, in denen Märchen, trotz leerer Kassen, bisweilen immer noch wahr werden – gerahmt wird dieser Schwerpunkt von Beiträgen zur saarländischen (Zeit-)Geschichte und unseren bekannten Rubriken Galerie, Literatur und Rezensionen.

Im letzten Heft hatten wir ein bedenkliches Buch des Germanisten Günter Scholdt vorgestellt. Erwartbar bekamen wir darauf einige empörte Zuschriften, von Unterstützern Scholdts und von diesem selbst. Wortwahl und Ton seines Leserbriefs waren beleidigend für unseren Autor, spätestens das Kommando: ›Abdruck, ganz oder gar nicht‹ hindert uns genau daran. Prof. Scholdts Beitrag zu einer Debatte, die wir nicht führen wollen, soll aber nicht verschwiegen werden; er findet sich auf seiner Internetseite www.scholdt.de. – Es haben sich auch honorige Menschen an uns gewandt, mit der Ansicht, wir müßten Scholdt mißverstanden haben, und der Bitte, ihm hier ein Forum zu geben. Nicht ganz unerwartet wollen sie sich aber selbst nicht öffentlich zur Causa äußern. Wir bedauern. ›Lesen Sie bitte Scholdts Elaborat‹, war unsere Antwort. Aktuell ist es vergriffen, wird aber nachgedruckt, wie die einschlägige Edition Antaios mitteilt. Dort ist bereits ein nächstes Werk aus der Feder von Günter Scholdt angekündigt, man findet es auch annonciert auf Webseiten wie nordstern-versand.com, neben »Freikorps«-Jacken und Anti-Israel-T-Shirts. Leider kein Märchen.

Die Redaktion