Editorial Nr. 107

Expertenkultur

 

Ein launiges Sommerheft hätte es werden sollen. Irgendetwas über saarländische, vornweg Saarbrücker Feierfreuden, jedes Wochenende ein noch größeres Fest, Vergnügungsangebote ohne Ende, mit Sommer-Spektakeln, -musiken, -theater, -kino, Sommer am Fluss. Und vielleicht einmal nichts über die Mittelstadt Völklingen.

Daß es anders kommen würde, ahnten wir bereits im April. Da bekannte Völklingens Ex-OB Hans Netzer öffentlich, nun, nach Lektüre von Heft 92 dieser Zeitschrift (immerhin von 2004, darin der Artikel Röchlings Verbrechen von Hans Horch) sei für ihn lückenlos belegt, »um welch einen Rassisten und Nazi-Unterstützer es sich bei Hermann Röchling gehandelt hat. Das menschenverachtende Wirken und Verhalten ist hier bestens dokumentiert.« Wohl weniger die unwiderlegbaren historischen Tatsachen als die eine Tatsache, daß sich in Völklingen ein prominenter (wenn auch Ex-) Politiker von Röchling abwandte, machte nun ernsthafte lokalpolitische Anstrengungen zur Umbenennung des nach diesem benannten Stadtteils – alternativlos. Das vorläufige Ergebnis: ein wankelmütiger Stadtrat.

Welchen Einfluß das Schreiben des Generaldirektors des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, Grewenig, an den Völklinger Stadtrat hierbei hatte, steht zwar dahin. Trotzdem war spätestens dieser Brief Anlaß genug für uns, die jüngsten Ereignisse und die belegte Nachkriegsgeschichte kommentierend und dokumentierend wiederum aufzugreifen. Wie Bernhard Dahm und Hans Horch in ihren Beiträgen zeigen, wird kalkuliert ein diffuses Bedrohungsszenario aufgebaut, um einer Stadt Angst zu machen vor dem Verlust ihres letzten verbliebenen Alleinstellungsmerkmals. (Erst nach Redaktionsschluß hatten wir Einblick in ein Schreiben der Deutschen UNESCO-Kommission, die bei aller diplomatischen Zurückhaltung deutlich die behauptete Gefährdung des Welterbestatus zurückweist – und hoffentlich öffentliche Beachtung findet.) Ein Raunen im Stil der fünfziger Jahre über »die dunklen Seiten der Vergangenheit« (Grewenig) ist dagegen das äußerste, was der Kunsthistoriker sich zu den nationalsozialistischen Exzessen vor Ort abringen kann. Und es kann einen gruseln vor dem falschen Pathos, wenn man bei ihm liest, was in Völklingen »nie vergessen« werden sollte.

Klagend bis alarmistisch wird regelmäßig reagiert, wenn wieder einmal allzu viele Zeitgenossen, ob politisch desinteressiert, naiv, gleichgültig oder schon trotzig ablehnend, die Abgründe deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts partout ausblenden oder beschönigen wollen. Politische Kultur und zivilgesellschaftlicher Konsens scheinen dann ramponiert, wenn nicht bedroht. Wirklich zum Verzweifeln ist es jedoch zu beobachten, wie sie darin von ernannten und selbsternannten Fachleuten und Experten bisweilen angeleitet und unterstützt werden. Zuletzt wurde den Bürgern – nicht nur in Völklingen – von Experten der Verbrechensaufklärung signalisiert, Brände in Wohnungen und Läden türkischstämmiger Mitbürger gingen auf die mafiösen Strukturen ihrer Lebensverhältnisse (»Parallelgesellschaften«), wechselweise auf versicherungsbetrügerische Absichten zurück, stünden aber garantiert in keinem Zusammenhang mit rechtsextremistischen Aktivitäten, die es ja vor Ort auch gar nicht gebe. Nun sind es geradezu unterirdisch argumentierende Experten, die – bereits mit weiteren Experten, Expertisen und Symposien drohend – leichtfertig und ignorant den geschichtsvergessenen Bürgersinn zugleich instrumentalisieren und weiter anstacheln. Ein Skandal ist das allemal.

Äußerst unerfreulich ist auch, was Julian Bernstein in einem Besprechungsessay über den ehemaligen Leiter des hiesigen Literaturarchivs, Günter Scholdt, zu berichten weiß. Der hat sich mit einem trüben Gesinnungsbüchlein offensichtlich vollends in das Milieu einer intellektuell aufgerüsteten Neuen Rechten begeben.

Uwe Loebens hat für uns abermals die Entwicklungen rund um den notorischen Vierten Pavillon beobachtet und kann hier und in der saarländischen Kulturpolitik insgesamt beim besten Willen keine neuen Konzepte entdecken, mit denen sich die aktuelle Landesregierung ernstlich von ihren Vorgängerinnen unterscheiden würde.

Die entspannteren, bisweilen vergnüglichen Beiträge des vorliegenden Heftes bewegen sich vor allem im weiten Feld der Kultur selbst, die bei uns weiterhin nicht zu kurz kommen wird. Aspekte der Bildenden Kunst machen unsere Autorinnen diesmal global zwischen Saarbrücken, Homburg/Saar und Buenos Aires aus. Akteure und Beobachter der Literatur bewegen sich eher zwischen Gonnesweiler, Paris, Dudweiler und der sogenannten Großregion im allgemeinen. Und ein ganzes Saarbrücker Stadtviertel wird in seiner eigensinnigen Kultur nicht nur beschrieben, sondern auch mit dem Zeichenstift erfaßt.

Vieles ist geschrieben worden zum endgültigen Ende des Bergbaus an der Saar in diesem Sommer. Wir bieten die Gelegenheit, sich in kondensierter Form – noch- oder erstmals – einen historischen Gesamtüberblick zu verschaffen und zudem einmal näheres über das vermeintliche Randthema der Frauenarbeit in der Eisen- und Stahlindustrie zu erfahren.

Schließlich seien unsere Leserinnen und Leser auf die neue Internetseite der Saarbrücker Hefte hingewiesen, die – noch im Auf- und Ausbau befindlich – künftig detaillierte Überblicke zu den Inhalten einzelner Ausgaben und vermehrt auch die Möglichkeit zum Download von Artikeln bieten wird.

 

Achim Huber