Saarbrücker Hefte Nr. 106

EDITORIAL

 

Steine des Anstoßes

»Das Prinzip, Anstoß zu nehmen«, überschrieb die Saarbrücker Zeitung (cis) ihre Rezension des vorigen Heftes unserer Zeitschrift. Sie charakterisierte damit einen der Grundsätze der Saarbrücker Hefte. Die Kritik schloß mit der Feststellung, daß diese Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft auch »weiterhin ihre Berechtigung haben« wird. Vielleicht ja auch ihre Notwendigkeit? Zumindest wir, die Macher, sind dieser Meinung. Denn wer sich die landespolitischen Realitäten des vergangenen Jahres ins Gedächtnis ruft, muß erkennen, daß die sich abzeichnenden Perspektiven keineswegs so klar und offen zu Tage treten, wie es eine intakte Demokratie, auf die wir bekanntlich stolz sind, es vermuten ließe. Demokratie ist ein Wort, ein Begriff, den unsere Gesellschaft mit sich herumträgt, dauernd interpretiert, immer wieder analysiert und ständig in neue Beziehungen setzt. Die Redakteure der Saarbrücker Hefte sind, wie alle Medienarbeiter, in erster Linie neugierig, schauen gerne hinter Kulissen und Fassaden. Beobachten, was aus allen Himmelsrichtungen ins Saarland strömt, sich mit Vorhandenem mischt, es erweitert, ergänzt oder präzisiert. In diesem Sinne ist unser Blick nach innen wie nach außen gerichtet, mehr auf Gegenwart und Zukunft schauend als historisch orientiert. Natürlich wissen wir
um die Bedeutung der Vergangenheit als Katalysator zum Erkennen und Gestalten einer Gegenwart, an deren Horizont immer neue Probleme und Gefahren auftauchen. Diese zu beobachten und zu analysieren, vielleicht auch vor ihnen zu warnen, sehen wir als einen wichtigen, nicht selten polemisch gehaltenen Teil der Aufgaben und Notwendigkeiten dieser Zeitschrift. So werden wir uns auch weiterhin mit dem Skandal um das Baudesaster des vierten Museumspavillons beschäftigen. Die Zustimmung zu Uwe Loebens’ Artikel Die Stunde der Dilettanten im letzten
Heft bestärkt uns in der Absicht, auf jeden Fall »am Ball zu bleiben«. Der rote Zementkoloß auf unserem Titelblatt, der eher einem Hochbunker als einem Museum ähnelt, ist ein dauerhaftes, gewichtiges Menetekel für Ignoranz, Korruption und Mißwirtschaft. Im Schatten dieses Skandals liegen viele Themen des vorliegenden Heftes, die im engeren und weiteren Sinne nicht immer »Anstoß nehmen«, wohl aber Anlaß geben, einen sorgenvollen Blick auf Entwicklungen zu werfen, Zustände zu dokumentieren, Veränderungen anzumahnen. Seit August 2007 hat es in Völklingen weitere acht Brandanschläge auf von Migranten bewohnte Häuser gegeben, ohne daß dies noch groß thematisiert worden wäre. Bernhard Dahm hat dieses Defizit zu seinem Thema gemacht und zieht eine beklemmende Bilanz der Völklinger Vorkommnisse. Weiterhin haben wir den Fokus unter anderem auf die Saarbrücker Medienlandschaft gerichtet. Von innen und von außerhalb betrachtet. Da geht es in erster Linie um Film und Kino, einen der kulturellen Schwerpunkte der Stadt. Boris Penth, ehemaliger Leiter des Festivals Max-Ophüls-Preis, beschäftigt sich mit der Situation des kommunalen Kinos aus überregionaler Sicht, während Tobias Kessler sich mit der umkämpften Zukunft des Saarbrücker Filmhauses befaßt. Saarländer in Lourdes ist der Titel eines Films aus dem Jahr 1947, der im Auftrag der französischen Militärregierung zu Propagandazwecken im Saarland gedreht wurde. Die Filmwissenschaftlerin Gerhild Krebs untersucht den Film auf Inhalt, Aufbau und seine damalige politische Wirksamkeit. Zwar nicht als Wutautor, wohl aber mit viel subjektiver, kritischer Verve geht Hans Horch mit einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen ins Gericht, deren neuer Feuilletonchef Nils Minkmar die Weltweitposse Strauss-Kahn zum Anlaß genommen hat, politische Sitte und Moral unseres Nachbarlandes aus spießbürgerlicher Sicht zu analysieren. Weltoffen bunt rauschen dagegen die Züge der Saarbahn seit einiger Zeit durch die Stadt. Der grau-blaue Einheitslook ist einem farbigen Outfit aus Werbebildcollagen gewichen, die Spuren witziger Ästhetik im monotonen Einerlei der Straßenzüge verbreiten. Mit von der Partie ist auch der Saarländische Rundfunk und beschwört im satten Werbeblau auf einem der Züge seinen Platz im Land. Im Gespräch mit seinem Intendanten Thomas Kleist haben wir über dessen Zukunftspläne für die Anstalt gesprochen und sind dabei zwangsläufig auf die Tatortkommissarspur geraten. »Wechsel heißt immer auch Erneuerung und Bewegung nach vorne«, kommentiert Thomas Kleist unsere diesbezügliche Frage. Da hat er Recht. Bewegung nach vorne ist auch ein Vektor für Publikationen wie die Saarbrücker Hefte. Heute, in Zeiten unkontrollierter Bilderfluten, gewinnt das geschriebene Wort viel von seiner ursprünglichen Macht zurück. Mit seiner Hilfe melden sich auch Zeitschriften wie diese zu Wort. Die Verbindung von Kultur und Politik wollen wir beibehalten und auch 2012 Steine des Anstoßes suchen, aufheben und bearbeiten. Steine aus dem Feld der bildenden Kunst, der Literatur und der Musik. Dabei werden wir die Freiheit des Andersdenkenden in der Wahl unserer Worte immer respektieren.

In diesem Sinne wünschen wir Lesern und Sponsoren unserer/Ihrer Saarbrücker Hefte ein interessantes Neues Jahr.

Georg Bense