Editorial Heft 105

Esse est percipi


Die prägnante Formel des Bischofs Berkeley, die ich als junger Mann in einem Essay Samuel Becketts aufgeschnappt habe: esse est percipisein ist wahrgenommen werden, hat bereits im 18. Jahrhundert ebensoviel Spott auf sich gezogen wie Leibniz’ These von der besten aller Welten. Ist es nicht Wahnsinn zu behaupten, dem Laternenpfahl, mit dem mein Kopf kollidiert, sei Existenz nur zuzusprechen, weil er wahrgenommen wird? Wenn man indessen von der Welt der wohl doch eher selbstgenügsamen Dinge absieht und sich den Menschen und ihren Werken zuwendet, gewinnt Berkeleys Statement, das von Beckett auch als Motto zu Film verwendet wurde, erheblich an Plausibilität. Richtig patent aber wird der Satz vom Sein als Wahrgenommenwerden erst bei strikter Säkularisierung, das heißt, wenn man die verrückte Seinsgewißheit des frommen Bischofs in aller Gemütsruhe zum Teufel gehen läßt. Dem esse est percipi lagert sich dann ein Hof von Bedeutungen an, in dem manches Platz findet, von Kommunikationsparadoxien, wie sie Watzlawick analysiert hat, über ästhetische Positionen wie bei Duchamp oder bei Warhol und Beuys bis hin zu medialen Chimären wie dem Ex-Verteidigungsminister.

 

Wer in diesem Meer von Mimikry und Mummenschanz nach dem festen Ufer absoluter Gewißheit Ausschau hält, ist ein Träumer. Ein Zyniker ist dagegen, wer nur noch das Lügen für gewiß hält. In der Grauzone dazwischen bewegen sich Menschen, welche nach Antworten suchen, die zumindest vorläufig als Wahrheiten zustimmungsfähig sein könnten. Als Medium für solche Antworten – jedenfalls soweit sie Kultur und Gesellschaft hierzulande betreffen – verstehen sich die Saarbrücker Hefte, deren Überleben nicht nur vom anhaltenden Interesse unserer Leserinnen und Leser sowie von der Unterstützung durch unsere Förderer abhängt, sondern fast mehr noch von Autorinnen, Autoren und Interviewpartnern, die öffentlich Stellung beziehen. Ausschlaggebend erscheint mir, daß dieses Blatt von allen Beteiligten als das wahrgenommen wird, was es im besten Fall sein kann: als ein Werk nicht von Dienstleistern, sondern von Überzeugungstätern.

 

Seit mehr als 15 Jahren nehme ich an den Sitzungen der Hefte-Redaktion teil, und ich bin immer davon ausgegangen, unsere Zeitschrift zeichne sich gerade dadurch aus, daß sie bewußt am Rande der Professionalität angesiedelt ist, sich zwar äußerlich von vergleichbaren Printmedien kaum unterscheidet, wohl aber in ihren Inhalten, internen Abläufen und nicht zuletzt auch in der Finanzierung. Am Redaktionstisch saßen über viele Jahre fast ausschließlich Leute, die man im besten Wortsinn als dilettanti bezeichnen kann. Die Redaktion der Saarbrücker Hefte arbeitet auch heute noch ehrenamtlich, das Machen der Hefte ist also eine – außerordentlich zeitaufwendige – Freizeitbeschäftigung engagierter Bürgerinnen und Bürger. Aber nicht jeder in der Redaktion teilt meine Skepsis gegenüber Forderungen nach stärkerer Orientierung an Standards des ›Professionellen‹. Ich räume ein, daß für jemanden, der professionelles Arbeiten gewohnt ist, der Umgang mit Amateuren sehr anstrengend sein kann. Dennoch bin ich der Meinung, daß sich in vielen, wenn nicht den meisten Fällen die Anstrengung lohnt.

 

Es war mir ein Anliegen, beim Ausscheiden aus der Redaktion meine Sicht der Dinge darzulegen, und ich bin dankbar, daß ich dies an dieser prominenten Stelle tun kann. Ich erhoffe mir, daß die Saarbrücker Hefte auch in Zukunft wahrgenommen werden können als eine Zeitschrift, die jedermann (und jeder Frau) Anlaß gibt, Anstoß zu nehmen, denn darin sehe ich die fruchtbarste Art der Ausgewogenheit eines kritischen Me­diums. Und ich bitte die Leserinnen und Leser ebenso wie die Förderinnen und Förderer, den Heften gewogen zu bleiben. Sie unterstützen damit eine gute Sache.

 

Herbert Wender