Editorial Heft 103

Die Stadt – die Menschen – die Armut

 

»Die Stadt sieht aus wie eine Fortsetzung des Bahnhofs oder wie ein Zugang zu ihm. Die Menschen in der Straße sind wie die Passagiere zwischen zwei Zügen«, schrieb Joseph Roth 1929 in seinen Briefen aus Deutschland über Saarbrücken. Rund achtzig Jahre danach, an einem blauen Nachmittag im Juni, sind Hunderte von Menschen auf der Saarbrücker Bahnhofstraße unterwegs. Die wenigsten sind auf der Durchreise oder unterwegs zum Bahnhof, der, abgesehen von der Bezeichnung Eurobahnhof, kaum einen Hauch europäischer Internationalität spüren läßt. Anders auf der Straße, die dem Namen nach zum Bahnhof führen müßte, ihn nie erreicht und den Zugang dorthin der Reichsstraße überläßt. An diesem Nachmittag ist die Bahnhofstraße voll von Menschen, die Papst sind, Ballack oder Lena, die aus Lothringen kommen, aus Luxemburg. Migranten von überall. In verschiedenen Sprachen ist viel Welt unterwegs zwischen Geschäften, in Geschäften und mit Geschäften. Obwohl zugeklebte Schaufensterscheiben mehr und mehr ins Auge fallen und auch der Sex in the City durch Liebesentzug von Beate Uhse ins Hintertreffen geriet, ist die Bahnhofstraße immer noch die Shoppingmeile von Saarbrücken, in deren Getriebe man sich mit oder ohne Handy am Ohr durch den Konsumalltag treiben lassen kann. Vorbei an Männern und Frauen, die auf dem Boden knien, kauern, sitzen, mit einer Hand einen Hund festhalten, mit der anderen um Geld bitten. An diesem Juninachmittag sind es elf Menschen, die auf der Bahnhofstraße Armut sichtbar werden lassen. So wie Frankie, der obdachlos mit seinem Hund, der Rummenigge heißt, durch die Stadt zieht. Freundlich, leise um ein paar Münzen bittet. Nur wenige beachten ihn, geben ihm etwas. Daran ist er gewöhnt, sagt er, das gehört zu seinem Alltag in Saarbrücken. Er klagt nicht an, er jammert nicht. Er ist froh, wenn das Geld fürs Hundefutter zusammenkommt, denn Rummenigge ist sein einziger Freund, und der soll es gut haben. »Er ist auf meinem Kopfkissen geboren«, sagt Frankie. »Wir gehören zusammen – wie ein Paar.« Armut und Reichtum sind überall zu Hause, wo Menschen leben. In Saarbrücken und anderswo.

»Armut ist ja oft in großem Maß mit Scham verbunden. Armut versucht man zu verbergen«, sagt Thomas Hippchen, Leiter des Stadtteilbüros Alt-Saarbrücken im Interview mit den Saarbrücker Heften, die sich in dieser Ausgabe schwerpunktmäßig mit dem Thema Armut beschäftigen. Für die, die ihre Armut nicht verbergen wollen oder können, ist das Stadtteilbüro Alt-Saarbrücken eine Anlaufstelle. Über Armut und Armutsrisiko an der Saar sprechen wir auch mit Jürgen Stuppi, Referent beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Rheinland-Pfalz/Saarland, während unsere Autorin Mirka Borchardt sich mit dem Problem Leiharbeiter auseinandersetzt: »Prekäre Arbeitsverhältnisse«. Neben anderen Autoren kommt auch Julian Bernstein zu Wort: »Kotzen auf Kommando« – eine bewußt sarkastische Betrachtung von Sendungen des Privatfernsehens, die mit Arbeitslosen Quote machen wollen.

Daß auch in der Literatur Armut immer wieder in Romanen und Erzählungen thematisiert wurde und wird, ist bekannt. Auch Gustav Regler (1898–1963), einer der wichtigen saarländischen Schriftsteller, hat sich in seinem 1932 erschienenen Roman Wasser, Brot und blaue Bohnen mit Armut und Erniedrigung anhand des Schicksals eines Strafgefangenen während der Weltwirtschaftskrise auseinandergesetzt. Als Rückblick auf die Geschichte unseres zeitlosen Kernthemas drucken wir einen Ausschnitt aus Reglers Roman. Ganz im »Heute« spielt dagegen der Film Forbach der französischen Filmemacherin Claire Burger, die ihren Film nach ihrer Heimatstadt an der deutsch-französischen Grenze benannt hat, und in dem es ebenfalls um Arbeitslosigkeit, sozialen Abstieg und Hoffnungslosigkeit geht. Um Weggehen und Wiederkommen. »Ich wollte Menschen dieser Region zeigen, die ökonomisch und sozial benachteiligt ist«, sagt Claire Burger.

»Armut ist aller Künste Stiefmutter«, sagt ein Sprichwort, und in den meisten deutschen Städten und Kommunen wird es harte Wahrheit. Der Staat ist überschuldet, die Stadtkassen sind leer, die Gemeinden sind pleite. Saarbrücken kämpft mit einer großen Schuldenlast, spart, spart noch mehr, immer mehr. Der Begriff »Prüfstand« ist das Damoklesschwert über der städtischen Kulturlandschaft. Doch es gibt nur wenig zu prüfen, kaum etwas zu streichen. Das Megaprojekt »Stadtmitte am Fluß«, fast totgeredet, verschwindet mehr und mehr in die Leere einer ausgetrockneten Kostenlandschaft. In der Saar-Lor-Lux-Region ist Saarbrücken die ärmste Metropole. Im bankenreichen Luxemburg breiten sich Wohlstand und Behäbigkeit aus, doch Kunst und Kultur werden wohlwollend gefördert. Metz, ein neuer Phoenix der Region, aufgestiegen aus der Asche einer sinistren Soldatenstadt, ist zum Symbol für kulturellen und wirtschaftlichen Aufbruch geworden. »Wie Metz Saarbrücken vormacht, was städtische Dynamik bedeutet«, überschrieb SZ-Kulturredakteur Christoph Schreiner seinen Kommentar zur Eröffnung des neuen Centre Pompidou-Metz. Für die Saarbrücker Hefte war Eva Mendgen in Metz, schrieb über ihre Eindrücke, fotografierte das neue Highlight in der Museumslandschaft. Fest steht, nicht nur an Geld, sondern auch an Wagemut, an Einfallsreichtum fehlt es in Saarbrücken hinten und vorne. Die Öde des Landwehrplatzes und das chaotische Durcheinander Bahnhofsvorplatz sind fest installierte Beweise. »Saarbrücken hat so etwas von einem guten Herzen hinter einem ungewaschenen Äußeren«, sagte die Baudezernentin Rena Wandel-Höfer 2008 in einem Interview mit dieser Zeitschrift. Vielleicht wäre es ja mit einem Hauch von Mut möglich, den ein oder anderen innovativen Waschgang zu programmieren, damit die Attraktivität sich auf Dauer nicht nur auf die Kneipenlandschaft des St. Johanner Markts beschränkt, von deren lärmender Mittelmäßigkeit auch nicht das Highlight einer jahrhundertealten architektonischen Umgebung ablenken kann. »Ich glaube, daß es nicht das wichtigste für Saarbrücken ist, ein paar einzelne Highlights zu haben«, sagt die Baudezernentin. Schade!

 

Georg Bense