Saarbrücker Hefte Nr. 110/111 - Sommer 2014

Das Schweigekartell lernt sprechen

 

Als wir im Jahr 2003 mit Erich Späters Aufsatz Das Wort des Führers ist unser Befehl die Nazi-Vergangenheit namhafter saarländischer Nachkriegspolitiker öffentlich machten, dachten wir, das würde eine große Nummer: Egon Reinert, Franz-Josef Röder, Richard Becker, allesamt alte Kameraden aus der NSDAP. Doch eine Reaktion blieb aus. Weder hiesige Medien, Historiker noch Parteien griffen das Thema vor zehn Jahren auf. Stattdessen übte man sich, wie auch schon zuvor, im Totschweigen – und das bis in jüngste Zeit. Noch im 2012 erschienenen Sammelband Das Saar­ land. Geschichte einer Region liest sich Röders Kurzbiographie bis 1945 so: »Röder (1909-1979) hatte Romanistik und Geographie in Freiburg, Innsbruck und Münster studiert und 1932 promoviert. Von 1933 bis 1937 arbeitet er als Lehrer im Saargebiet und ging 1937 in die Niederlande in den Auslandsschuldienst.« Die schlappen zwölf Mitgliedsjahre in der NSDAP? Geschenkt.

 

Ähnlich unwissend scheint man im Landesarchiv zu sein. Nachdem es seitens der Linkspartei Kritik an dieser etablierten Schweigepraxis und am 2013 (!) vom Archiv publizierten Band Last aus tausend Jahren gab, sagte Archivleiter Ludwig Linsmayer der Saarbrücker Zeitung: »Forschungen [...] zur NS-Belastung saarländischer Politiker der Nachkriegszeit waren uns zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt.« Teile der saarlän­ dischen Historikerzunft haben offensichtlich erschreckenden Nachholbedarf bei der Anwendung simpelster Recherchetechniken. Auf die NSDAP-Mitgliedschaften ver­ weist seit Jahren selbst Wikipedia.

 

Doch einer hat zwischenzeitlich nachgearbeitet: Peter Wettmann-Jungblut – Mit­ arbeiter des Landesarchivs – hat der Öffentlichkeit vor einigen Monaten in der Zeit­ schrift Saargeschichte(n) seine Überlegungen zu Franz Josef-Röders Vergangenheit vor 1945 präsentiert. Das lang überfällige Brechen des Schweigens wäre eigentlich zu begrüßen – erinnerte sein Aufsatz nicht streckenweise an Verharmlosungs­ strategien der fünfziger und sechziger Jahre. Die NSDAP-Mitgliedschaft des späteren CDU-Politikers scheint für Wettmann-Jungblut kaum ins Gewicht zu fallen. Und nicht einmal Röders Tätigkeit als Propagandaautor für das 1942 erschienene Niederlandbuch, das, wie Erich Später in seinem aktuellen Hefte-Beitrag schreibt, die »Begleitmusik für die deutsche Vernichtungspolitik« in Holland lieferte, findet er sonderlich beanstandenswert. Röder legt in seinem Beitrag zur Aufsatzsammlung den Niederländern nahe, sich »der führende[n] Macht in Europa« zu unterwerfen und die »dargereichte Freundeshand« NS-Deutschlands anzunehmen – für Wett­ mann-Jungblut »ein relativ neutrales Dokument«. Gar nicht neutral findet der Autor hingegen unseren vor zehn Jahren erschienenen Aufsatz. Dem Verfasser wirft er vor, im »blinden Furor des beseelten Nazijägers« ein Eigentor geschossen zu haben.

 

Für die Saarbrücker Hefte ist dies Grund genug, in die mit Verspätung geführte Debatte einzusteigen und wieder einmal etwas zeithistorische Aufklärungsarbeit zu leisten: In Der Landesvater rückt Erich Später das von den Saargeschichte(n) gezeichnete Röder-Bild zurecht. Auch Eberhard Wagner knöpft sich Röder vor, dessen Leben er mit dem des Marpinger Widerstandskämpfers Alois Kunz kon­ trastiert und dabei mit den oft wiederholten Verharmlosungen von NSDAP-Mit­ gliedschaften aufräumt. Mit der gleichen Epoche beschäftigt sich unter anderem unser Autor Alexander Jansen, der in seinem Artikel ein Schlaglicht auf die finsteren Jahre des Saarbrücker »Führertheaters« wirft. Daneben würdigt Max Hewer den saarländischen Spanienkämpfer Fritz Holderbaum, und Stefan Ripplinger erinnert in einem Essay an den »universalistischen Separatismus« Johannes Hoffmanns.

 

Neben unserem zeitgeschichtlichen Schwerpunkt kommt in unserer Doppel­ nummer 110/111 auch die Kultur nicht zu kurz: Unter anderem wirft Eva Mendgen einen genauen Blick auf die ehemalige Ambassade de France und fordert eine kulturhistorische Neubewertung des in Vergessenheit geratenen Pingusson-Baus. Mit Historischem beschäftigt sich auch unsere Autorin Sabine Graf, die Interessantes über die saarländische Galeriegeschichte zu berichten weiß. Eine Spur theoretischer wird es im Gespräch unserer Redakteurin Mirka Borchardt mit dem Fotografen André Mailänder und dem Performancekünstler Ulrich Ludat. Im Dialog widmen sie sich einer Frage, die zwar häufig gestellt, allerdings längst nicht beantwortet ist: Was ist Kunst?

 

Daneben steht in dieser Ausgabe im weitesten Sinne die Literatur im Mittelpunkt: Unter anderem gibt es Gedichte von Johannes Kühn, einen literarischen Reisebericht von Jörg Gronius. Jochen Marmit porträtiert die in Homburg geborene Übersetzerin und Autorin Edith Aron, und Ralph Schock erinnert an Alfred Döblins tragische Beziehung zu Lothringen.

 

Wir wünschen allen unseren Leserinnen und Lesern eine anregende Lektüre!

 

Julian Bernstein