Zu weit gegangen fürs Vaterland

Der Dokumentarfilm „Der Stahlbaron“ über den Industriellen und NS-Kriegsverbrecher Hermann Röchling lässt die Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter größtenteils im Dunkeln.

 

Von Julian Bernstein                                                                   

 

Es ist ein Bild, das sich ins kollektive Gedächtnis Völklingens eingebrannt hat: Hermann Röchling, wie er hoch zu Ross über seine Bouser Höhe reitet und dabei väterlich den Arbeiterkindern zulächelt. Es ist eine der ersten Szenen, die der Zuschauer in „Der Stahlbaron“ zu Gesicht bekommt. Sie soll die eine Seite Röchlings symbolisieren, den fürsorglichen Patriarchen, für den das Wohlwollen seiner Arbeiter an erster Stelle steht – eine Seite, der Regisseurin Nina Koshofer in ihrem Werk reichlich Platz einräumt. Man erfährt etwa, dass die Arbeiter ihrem Hüttenchef nicht weniger als Wohnhäuser, eine Säuglingsstation, ein Krankenhaus, eine Milchküche, Kindergärten und eine Schwimmanstalt zu verdanken haben. Dieser menschelnden, immer wieder durch rührselige Reenactment-Szenen unterstrichenen Seite Röchlings stellt die Dokumentation die Seite des, wie es im Off-Kommentar zu Beginn heißt, „kühlen Strategen“ gegenüber – eine erste Einordnung, die bereits aufhorchen lässt. Besteht Hermann Röchlings „dunkle“ Seite nicht vielmehr darin, ein Antisemit, Kriegsverbrecher und Nazi gewesen zu sein?


Die Dokumentation benennt durchaus, dass Röchling als Leiter der Reichsvereinigung Eisen die komplette Stahlrüstung des Deutschen Reiches verantwortet hat und für den Einsatz und die Verschleppung tausender Zwangsarbeiter mitverantwortlich war. Zahlreiche Reenactment-Szenen zeigen Röchling als gebrochenen Mann vor dem Kriegsverbrechertribunal in Rastatt. Doch scheint es, als wollte man den Zuschauern eben nicht die ganze Seite des „kühlen Strategen“ präsentieren. Denn das Ausmaß an Menschenverachtung, das sich in der Behandlung tausender Zwangsarbeiter in Völklingen zeigte, für die Röchling mittelbar verantwortlich war, wird in der Dokumentation lediglich in Ansätzen deutlich. Das werkseigene Straflager in Etzenhofen wird zwar erwähnt, man erfährt von der Historikerin Inge Plettenberg, dass die Zustände in den „Ostarbeiterlagern“ „landesweit berüchtigt“ gewesen seien, doch worin die berüchtigten Zustände genau bestanden, die mindestens 261 von Röchlings Arbeitssklaven das Leben kosteten, erfährt man wenig. Wie auch schon in Plettenbergs Dokumentation „Röchlings letzte Zeugin“ kommt die ehemalige Zwangsarbeiterin Matrjona Schewtschenko zu Wort. Sie berichtet davon, dass man ihr im Winter nicht einmal Handschuhe gegeben habe, so dass ihre Finger an den eiskalten Werkstücken kleben blieben. Eingeleitet wird diese Passage mit einer Reenactment-Szene, in der offensichtlich ein Angehöriger des werkseigenen Sicherheitsdienstes dargestellt werden soll, wie er Zwangsarbeiter unsanft vor sich hertreibt. Wesentlich mehr über die grausamen Arbeitsbedingungen erfährt der Zuschauer nicht. Man nennt nicht einmal die Opferzahlen, wie Tobias Kessler in der „Saarbrücker Zeitung“ bereits angemerkt hat. Genau genommen erfährt man in den 90 Minuten nicht einmal, dass in Völklingen überhaupt Zwangsarbeiter zu Tode kamen, man muss es sich zusammenreimen. Die KZ-ähnlichen Zustände im „Arbeitserziehungslager“ Etzenhofen bleiben zudem gänzlich im Dunkeln.

 

Im Straflager Etzenhofen wurden Arbeiter – nachdem sie in Völklingen bereits 12 Stunden lang besonders schwere und gefährliche Arbeit verrichten mussten – bestialisch gequält. Dazu gehörten nächtliches Strafexerzieren, das Abspritzen mit eiskaltem Wasser, Schläge mit der Reitpeitsche, Angriffe abgerichteter Schäferhunde, das sinnlose Hin- und Herschleppen von Betonbrocken sowie das Vergewaltigen weiblicher Gefangener. Von diesen Grausamkeiten erfährt man in der Dokumentation nichts.


In seiner Verweigerung, auf diese Aspekte in angemessener Form einzugehen, ist „Der Stahlbaron“ die filmische Fortsetzung der im Jahr 2014 eröffneten Familienausstellung über die Röchlings, bei der man ebenfalls davor zurückscheute, diese Geschichte zu erzählen. Das Bild, das sich den Zuschauern von Hermann Röchling am Ende der Dokumentation aufdrängt, ist daher nicht das des fanatischen Imperialisten, Antisemiten und Kriegsverbrechers. Es ist das einer tragischen Figur, eines erfolgreichen Unternehmers mit einzelnen Schattenseiten, der, wie er es in Rastatt selbst formulierte, in seiner brennenden Vaterlandsliebe hier und da womöglich einen Schritt zu weit gegangen ist.