Offener Brief an den Oberbürgermeister Conradt

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Conradt,

als Sie am 1. Oktober 2019 Ihren ersten Arbeitstag als Saarbrücker Oberbürgermeister antraten, haben wir, die Redaktion der Saarbrücker Hefte, Sie in unserem Glückwunschschreiben um einen Termin gebeten. Wir wollten Ihnen das redaktionelle Konzept der ältesten saarländischen Kultur- und Gesellschaftszeitschrift vorstellen und mit Ihnen über deren finanzielle Zukunft sprechen. Doch dazu kam es leider nie.
Am 29. April erreichte uns nun ein Schreiben Ihrer Büroleiterin, in dem sie uns mitteilt, dass Ihnen „ein persönlicher Gesprächstermin aufgrund der aktuellen Corona-Pandemie und den damit ver-bundenen Krisenmaßnahmen nicht möglich“ sei. „Vor dem Hintergrund“ könne man „leider keine Förderzusage für 2020 für die ‚Saarbrücker Hefte‘ machen“. Man bedaure, „keine positivere Ant-wort geben zu können“, und bittet um „Verständnis.“
Verständnis? Machen wir einen Versuch: Die Geschichte der Saarbrücker Hefte begann im Jahr 1955, als Saarbrücken sich schon Universitätsstadt nennen durfte und bereits mit Hörfunk- und Fernsehsendern als Medienstadt in Erscheinung trat. Da passte es gut, wie es der damalige Saar-brücker Bürgermeister Peter Zimmer in seinem Geleitwort zu der ersten Ausgabe formulierte, eine für das Saarland und seine Nachbarräume repräsentative Zeitschrift zu gründen: die Saarbrücker Hefte. Der erste Herausgeber war das Saarbrücker Kultur- und Schulamt. Im Jahr 1989 übernahm dann der gemeinnützige Verein ‚Saarbrücker Hefte e.V.’ die Publikation und machte daraus „Die saarländische Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft“. Nach wie vor sorgte die Stadt dafür, dass die technischen Kosten (Gestaltung, Druck und Vertrieb) gedeckt wurden. Die ehrenamtlich arbeitende Redaktion besorgte den Rest. So blieben die Saarbrücker Hefte dank öffentlicher und privater För-derungen über 65 Jahre hinweg inhaltlich unabhängig und entwickelten sich zum festen Bestand-teil des kulturellen und politischen Lebens im Saarland.
Allerdings beschloss im Dezember 2006 die damals in der Landeshauptstadt regierende CDU/FDP-Koalition gegen den Widerstand der Grünen-, der SPD-Fraktion und der der Linken die finanzielle Unterstützung der Hefte einzustellen. Daraufhin übernahm die Saarbrücker Oberbür-germeisterin Charlotte Britz mit jährlich 10 000 Euro aus dem ihr persönlich zustehenden Verfü-gungsfond die Förderung.
Als nun Sie, Herr Conradt, zum Oberbürgermeister gewählt wurden, wünschten sich, wie gesagt, die für die Hefte Verantwortlichen ein Gespräch mit Ihnen. Die im letzten Jahr erweiterte Redaktion hat viele Pläne, die von einem attraktiven Online-Auftritt bis zur Digitalisierung der alten Ausgaben reichen. Gerade jetzt ist die Redaktion dabei, das Heft 121 vorzubereiten und deshalb haben wir Sie mit Schreiben vom 22. April um eine Entscheidung bezüglich unseres Antrags auf finanzielle Förderung gebeten.
Der Inhalt der bisher 120 herausgegebenen Hefte ist ein wichtiges saarländisches Kulturgut und
sollte jedem verfügbar gemacht werden. Viele erfahrene Journalisten und Publizisten konnten mit
ihren Beiträgen zum Renommee dieser Zeitschrift beitragen. Praktisch alle dem Saarland verbundenen
AutorInnen, haben schon für die Hefte geschrieben. Und nicht nur im Saarland spielen sie
eine beachtliche Rolle. In puncto Geschichtsforschung bekamen die Saarbrücker Hefte im Jahr
2018 bundesweite Anerkennung: Unser ehemaliger Redakteur und Autor Julian Bernstein wurde
für seinen Text „Historiker als Mythenproduzenten“ über die NS-Vergangenheit des früheren saarländischen
Ministerpräsidenten Franz-Josef Röder mit dem „Alternativen Medienpreis“ ausgezeichnet.
Erstaunlicherweise erreichte Ihr Brief, den Sie am 23. April an „die Damen und Herren Künstler,
Kulturschaffende, Pop-Kulturtreibende, Schausteller, Veranstalter, Spielstätteninhaber, Vertreter
der Kreativwirtschaft“ verschickt haben, die Redaktion der Saarbrücker Hefte nicht. Mit diesem
Brief wollten Sie als Leiter der Katastrophenschutzbehörde die Stellungnahmen der betroffenen
Kulturschaffenden erfragen, weil Sie „zurzeit Konzepte und Rechtsfragen zu Möglichkeiten der
Unterstützung“ erarbeiten. Wir versuchen zu verstehen, warum Sie keine Stellungnahme der
Saarbrücker Hefte in Betracht zogen. Gehören die Saarbrücker Hefte in Ihren Augen nicht zur Kultur
dieser Stadt?
"Was wünschen Sie sich von Ihrer Kommune in der jetzigen Situation?", wollten Sie im gleichen
Brief von den Saarbrücker Kulturschaffenden wissen. Hätten wir dieses Schreiben bekommen,
wäre unsere Antwort: Offenheit in der Auseinandersetzung und dass die Betroffenen nicht gegeneinander
ausgespielt werden.
Während sich im ganzen Land Politiker bemühen, wegen der Pandemie Mittel für notleidende Kulturschaffende
zu organisieren, werden wir, die ehrenamtliche Redaktion der Saarbrücker Hefte, in
Ihrem Auftrag ausgerechnet mit Hinweis auf Corona abgewiesen.
Es sei Pflicht, „ein so ernsthaftes Vorhaben wie die Saarbrücker Hefte in jeder Weise zu fördern“,
so das Vermächtnis des ersten Präsidenten des saarländischen Landtags, des Saarbrücker Bürgermeisters
und Widerstandskämpfers Peter Zimmer. Es ist schwer zu verstehen, Herr Conradt,
dass Sie dieses Erbe nicht fortsetzen möchten.
Trotz Corona ist die Arbeit am nächsten Heft weit fortgeschritten. Mehrere interessante Beiträge
und Recherchen liegen uns bereits vor. Mit dabei sind, wie gewohnt, auch künstlerische Arbeiten
und literarische Erstveröffentlichungen regionaler AutorInnen. Uns ist bewusst, dass wir keinen
unverrückbaren Anspruch auf öffentliche Mittel haben. Jedoch ist die Existenz der Saarbrücker
Hefte durch diese Absage gefährdet. Wir wünschen uns, dass darüber offen gesprochen und auch
öffentlich diskutiert wird. Daher bitten wir Sie, Herr Oberbürgermeister, Ihre Entscheidung zu überdenken
und Ihre Entscheidungsgründe der saarländischen Öffentlichkeit mitteilen.
Für die Saarbrücker Hefte
Sadija Kavgic
Julian Bernstein
Bernhard Dahm
Klaus Gietinger
Bernd Nixdorf
Josef Reindl
Iris Schumacher

Wilfried Voigt

Reinhard Wilhelm