Eine geheimnisvolle Krankheit

Die Spanische Grippe im Saarland

"[...] nichts anderes als Grippe", Saarbrücker Zeitung, 19. Oktober 1918

Es war „nur“ eine Grippe, doch tötete sie weltweit mehr Menschen als beide Weltkriege zusammen. Auch in Saarbrücken und in der Region war die Lage dramatisch. Im Unterschied zu heute war die Grippe jedoch nicht das dominierende Thema in der Tagespresse. Das ganze Leben war dem Großen Krieg unterstellt. Die Saarbrücker Hefte wollten wissen, was es dazu in den Archiven zu entdecken gibt.

Von Sadija Kavgić

„Madrid 27. Mai 1918. (Reuter.) Der König, der Ministerpräsident und andere Minister sind unter rätselhaften Erscheinungen erkrankt. Von dieser Krankheit, die sich über ganz Spanien verbreitet, wurden 30 Prozent der Bevölkerung befallen. Die Aerzte raten an, ernste Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen.“

Diese und ähnliche Meldungen, in denen von einer geheimnisvollen Krankheit in Spanien die Rede war, druckten gleich mehrere Tageszeitungen an der Saar ab.

Wenige Tage später informierte die Saarbrücker Zeitung ihre Leser, dass in Madrid über 120.000 Personen und in ganz Spanien acht Millionen Menschen erkrankt seien. Zu diesem Zeitpunkt wusste noch niemand, dass hinter der Krankheit ein bis dahin unbekannter Verwandlungsmeister, das Influenzavirus, steckte. Auch nicht, dass dies nach heutigem Kenntnisstand die bislang tödlichste aller bekannten Influenzapandemien werden würde. Neuere Forschungen gehen davon aus, dass weltweit ca. 50 Millionen Menschen an den Folgen dieser Krankheit verstarben. Eine annähernde Opferzahl für das Gebiet des heutigen Saarlandes ist schwer zu ermitteln. Insbesondere auch deshalb, weil das Saarland erst nach dem Versailler Friedensvertrag 1919 eine geschlossene politische Einheit wurde. Bis dahin gehörten seine Teile mehreren anderen deutschen Bundesstaaten an, sodass auch die auszuwertenden Quellen überaus verstreut sind.

Es war das Jahr 1918. Der Große Krieg dauerte schon vier Jahre, Millionen Tote waren zu beklagen. Saarbrücken gehörte dem Königreich Preußen an und unterstand dem Regierungsbezirk Trier. Die Stadt war gerade erst fünf Jahre vor dem Krieg durch die Vereinigung der heutigen Stadtteile Alt-Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach zur Großstadt geworden. Die neue „Reichsmetropole“ wurde 1912 der Sitz des stellvertretenden Generalkommandos des XXI. Armeekorps. Kasernen der Infanterie, Kavallerie und Artilleristen kennzeichneten das Stadtbild, Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten gehörten der Stadtbevölkerung an. Der Kriegsanfang wurde in der Stadt begrüßt. Für den Kaiser und König, Monarchie und Deutschland waren Unzählige bereit, in den Krieg zu ziehen. Das Saarrevier war eine der bedeutendsten Industriegebiete Deutschlands. Fast 60 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiteten in den Gruben und Stahlwerken. Der preußische Staat und die Herrscher über die Industrie, an vorderster Stelle die Familien Stumm und Röchling, formulierten ein imperialistisches Expansionsprogramm, das nach dem Sieg große Teile des nördlichen Frankreichs und Belgiens Deutschland angliedern sollte. Saarbrücken bewährte sich als zuverlässige Nachschubbasis für die Westfront. Die Streikwellen gegen den Krieg und die zunehmende Verschlechterung der Lebensbedingungen, die 1918 das Ruhrgebiet und Berlin erschütterten, erreichten das Saarland nicht.

Gleichwohl sind auch an der Saar die Kriegsjahre von Nahrungsmangel und Wohnungsnot gekennzeichnet. Für eine stabile Heimatfront sorgen neben den offiziellen Stellen auch zahlreiche Frauen-, Lehrer- und andere Vereine sowie die Presse. Das ganze Leben ist der Kriegsführung untergeordnet. Im April sind die Zeitungen voll mit Propaganda für die achte Staatsanleihe zur Finanzierung des Krieges: „Freiwillige vor! An die Zahlfront!“, heißt es. Noch am 2. April 1918 freut sich die Saarbrücker Zeitung: „Seit Beginn der großen Schlacht über 75 000 Gefangene!“ Diese sollen in der Industrie und Landwirtschaft arbeiten, damit deutsche Arbeiter an der Front kämpfen können. Mit Gefangenen und Fronturlaubern erreicht das Virus Deutschland. Die Warnungen aus Spanien haben nicht dazu geführt, dass besondere Vorsichtsmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriffen worden wären. Stattdessen ersetzt Propaganda die Aufklärung: „Deutsche Jugend! Sie ist unser Stolz mit ihrer Begeisterungsfähigkeit für alles Heldenhafte. Das deutsche Lied auf den Lippen – so überrannte unsere Jungmannschaft den Feind. Sie entbehrte und kämpfte, und der Lorbeer des Sieges schmückte ihr Grab“ (Neunkirchener Zeitung).

Grippe erreicht Deutschland

Schon Anfang April gab es in der Saarbrücker Zeitung Todesanzeigen, die als Todesursache eine schwere, kurze Krankheit angaben. Jedoch erst am 29. Juni hieß es: „Nun mehren sich tatsächlich die Meldungen aus dem deutschen Süden über ähnliche Erkrankungen auch bei uns, wie sie in Spanien und im feindlichen Ausland aufgetaucht sind.“ Genannt wurden viele Erkrankungen in einem Großbetrieb in Hessen, rasches Ausbreiten in Bayern, in Sachsen und: „Also auch London! Ganz London ist von der Grippe befallen. Die Hospitaeler sind von Kranken überfüllt, und selbst die Aerzte bleiben nicht verschont.“ 

Ab diesem Zeitpunkt gab es in der Saarbrücker Zeitung regelmäßig Meldungen über die Verbreitung und Auswirkungen der Grippe. Die veröffentlichten Todesanzeigen zeigen, dass die Grippeerkrankungen in Saarbrücken durchgehend feststellbar sind. Wie in der ganzen Welt durchläuft die Pandemie auch hier drei Höhepunkte. Die erste Welle infizierte die meisten Menschen, aber der Verlauf war meist mild, und nur die wenigsten starben. In der Lokalpresse fanden sie keine direkte Erwähnung. Es herrschte strenge Pressezensur, nichts sollte die Heimatfront schwächen. Die schlechten Nachrichten von der Kriegsfront lassen ohnehin bereits ein komplettes Scheitern der Expansionspläne des Deutschen Reiches erahnen. Die letzte deutsche Offensive von April bis September 1918 kostete noch einmal Hunderttausende Soldaten das Leben. Da war die Gesundheit der Bevölkerung in der Heimat nebensächlich. So richtete Anfang August das Saarbrücker Bürgermeisteramt, ohne die Grippe zu erwähnen, eine Bitte an die Bürgerschaft, sie möge die Ärzte nur in dringend notwendigen Fällen in Anspruch nehmen. Mehr nicht.

Borussen gegen Saar 05

Die Presse war nach wie vor auf das Kriegsgeschehen konzentriert. Aber auch der Alltag bot Interessantes: Das Todesurteil gegen den 28-jährigen Arbeiter Friedrich Wagner aus Dudweiler wegen Mordes und Straßenraubs wurde durch Erschießen vollstreckt. Einige aus der französischen Gefangenschaft entlassene Saargemünder berichteten „über ihren Aufenthalt bei den Franzosen wenig gutes“. In Saargemünd wurde Marie Knöpflin aus Zillisheim wegen „vorsätzlicher Förderung der Fahnenflucht“ ihres Ehemannes zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Das Königliche Amtsgericht hob die am 6. April 1916 gegen die Ehefrau von Peter Schwindt, Katharina geborene Janten, aus Neufechingen ausgesprochene Entmündigung wegen Trunksucht auf: „Die Kosten trägt Frau Schwindt.“ In Neunkirchen entgleiste ein „von der Hüttenbergstraße herunterkommender Straßenbahnwagen an der Ecke Stumm- und Königstraße und fuhr mit voller Wucht in das Kaiser-Kaffee-Geschäft. Der Wagen wurde zertrümmert und sehr erheblicher Sachschaden angerichtet.“ Dafür gewann Borussia Neunkirchen im Derby gegen den Rivalen aus Saarbrücken Saar 05, dessen Mannschaft beim Spielstand 2:1 vorzeitig das Feld verließ. Man/frau freute sich über den „Heldenkampf unserer Ostafrikaner“ und Lettow-Vorbeck in Mozambik.

Wer sich über die Grippe informieren wollte, wurde mit knappen Meldungen abgespeist: Man erfuhr, dass die spanische Krankheit auch in Griechenland zahlreiche Opfer forderte, dass sie „auch im amerikanischen Heere weit verbreitet ist und dort Baracken desinfiziert und die Gewässer mit Oel bedeckt werden.“ Auch wenn über die Grippe an der Saar selbst weiterhin nicht berichtet wurde, sprach der Halbjahresbericht der Ortskrankenkasse Saarbrücken Bände: „Die Ausgaben für Krankengeld, Krankenhauspflege und Heilmittel haben eine geradezu beängstigende Höhe erreicht. Die Klagen über unzulängliche ärztliche Behandlung sind allgemein.“ Ende September dann kündigte sich mit einer Meldung aus Madrid über die sofortige Schließung der französischen Grenze die zweite Grippewelle an. Im Verlauf seiner Verbreitung über die Erde war das Virus mehrfach mutiert. Es befiel jetzt meistens die jüngeren Menschen. Ursache für das nun massenhaft einsetzende Sterben waren tödliche Überreaktionen des eigenen Immunsystems. Die Infizierten starben oft innerhalb weniger Stunden nach Ausbruch der Krankheit. Diese Welle sollte weltweit die meisten Menschenleben kosten und wütete auch in der Saargegend. 

"Diese jammervollen Zustände müssen aufhören [...] ", Saarbrücker Zeitung, 15. Oktober 1918

Das große Sterben

Die Schulchronik der Katholischen Schule zu Schlawerie in Neunkirchen für das Jahr 1918 beschreibt die Lage: „Die Grippe forderte in diesen Herbsttagen zahlreiche Opfer, vom 21.-27. Oktober stiegen die Sterbefälle von 50 auf 62 pro Tag. Am 1.11. sanken sie auf 56 zurück, deshalb wurde der Unterricht am 3.11. wieder aufgenommen. In Saarbrücken blieben die Schulen bis zum 10.11. geschlossen. Der erste Schulbesuch stand noch ganz unter dem Zeichen der Grippe, etwa 1/3 sämtliche Kinder fehlten, bald aber besserte sich der Schulbesuch.“

Am 15. Oktober, da hatte die deutsche Regierung schon um Waffenstillstand gebeten und die Niederlage eingeräumt, fasste jemand bei der Saarbrücker Zeitung den Mut, die städtische wie auch die Militärverwaltung gleichermaßen zu kritisieren. Der Autor warf den Verantwortlichen vor, bei dem Einsatz der Ärzte vollständig zu versagen und es nicht einmal zu schaffen, den wenigen Ärzten Transportmittel zur Verfügung zu stellen: „Die Grippe oder ,spanische Krankheit‘ genannt, tritt mit all ihren Komplikationen in geradezu erschreckendem Umfange auf. Die Krankenhäuser sind längst überfüllt; nur ganz schwere Fälle werden dort noch behandelt; die Medikamente werden alle; die Aerzte wissen längst nicht mehr, wo sie zuerst helfen sollen. […] Diese jammervollen Zustände müssen aufhören; […] Vor allen Dingen müssen, wenn ein Appell an den Edelmut nichts nutzt, all die Luxuspferde und Wagen mobilisiert werden.“

Vier Tage später appellierte Generalfeldmarschall von Hindenburg persönlich von der Titelseite der Saarbrücker Zeitung: „In der Stunde der Not zeigt es sich, was der Einzelne und was ein Volk wert ist. Wir werden uns nicht schwächer zeigen als unsere Feinde. Auch bei uns wird in der Stunde der Entscheidung kein Mann von der Schanze, keine Frau von der Arbeit weichen. Deutschland braucht jetzt sein ganzes, einiges, für die Zukunft unseres Geschlechts opferbereites Volk.“ Und bekommt umgehend die Antwort: „Generalfeldmarschall v. Hindenburg […] Die Saarpresse ihrerseits ist gewillt, alles zu tun, um die Heimatfront zu stärken in dem stählernen Willen durchzuhalten. […] Im Auftrage der Saarpresse: Chefredakteur Dr. Brueckemayer“. Und dann ging alles so weiter wie gehabt: Die Wehrpflichtigen werden aufgefordert, sich sofort nach Vollendung ihres 17. Lebensjahrs zur Musterung anzumelden. Die 9. Kriegsanleihe wird gezeichnet, Parolen geschwenkt: „Deutsches Gut für deutsches Blut“, „Ein Volk, ein Wille zum Sieg“.

Und die Polizeidirektion teilte den Saarbrückern mit, dass „es sich um nichts anderes als Grippe handelt“. Es wurde „dringend gebeten das Ausspucken auf der Straße [und] in der Straßenbahn […] zu unterlassen. Und empfohlen: „um die eingeatmeten Krankheitskeime zu vernichten, kann wiederholtes Gurgeln und Naßenspülen mit Desinfektionsmittel, z.B. Wasserstoffsuperoxyd (1 Eßlöffel auf 1 Wasserglas) empfohlen werden.[…] Neben fieberherabsetzenden Mitteln […] ist mäßiger Genuß von alkoholischen Getränken, soweit diese bei der jetzigen Ernährungslage zu beschaffen sind, gut“.

Dann bekam das erste Opfer einen Namen: Am 18. Oktober verstarb Ernestine Schmidt, „Fürsorgeschwester der Beratungsstelle des Städt. Krankenhauses Frankfurt a.M. [,] im Alter von 36 Jahren an der Grippe“, steht in den Todesanzeigen der Saarbrücker Zeitung. Ein paar Tage später Anneliese: „Nach bald achtmonatiger Krankenhausbehandlung von ihrem Unfall geheilt, wurde uns durch die Grippe unser einziges, heißgeliebtes Töchterchen […] Anneliese nach fünftägigem Krankenlager im Alter von beinahe 5 Jahren entrissen. Sie folgte ihrem ältesten Brüderchen Emil, der uns durch dieselbe Krankheit vor 8 Wochen entrissen wurde. In tiefstem Schmerz: Familie Jaeger.“ Die Geschwister wurden auf dem Garnisonsfriedhof in Saarlouis begraben. Die Familiengrabstelle ist noch erhalten. Bis zum Abklingen der Epidemie nach der dritten Welle Ende März 1919 blieben diese fast die einzigen namentlich genannten Grippeopfer im Saargebiet. 

Doppelte Opferzahl in Bergwerkssiedlungen

Am 27. Oktober werden die Leser der Saarbrücker Zeitung ausführlich über die Grippe informiert: darüber dass noch niemals „seit Menschengedenken eine Seuche mit derartiger elementarer Gewalt über die Menschheit losgebrochen“ sei, dass sie anfangs harmlos und „in den letzten Wochen durch Eintritt schwerster Lungenentzündungen einen außergewöhnlich bösartigen Charakter angenommen und besonders unter der Bevölkerung im kräftigsten Alter von 15-35 jetzt vielerorts viele Opfer fordert.“ Als Hauptgrund für die Verbreitung der Seuche wird das Bahnreisen ausgemacht:

„[D]ie Erreger der Grippe halten sich ausnahmslos in den Schleimhäuten der oberen Luftwege der Kranken, Nase, Rachen und Luftröhre auf. Von hier aus werden sie durch jeden Luftausstoß, durch Niesen, ja durch jedes Sprechen in die Luft geschleudert. Kommt nun ein Gesunder in die Nähe des Kranken, ist er also gezwungen, die mit feinsten ansteckungsfähigen Tröpfchen geschwängerte Luft zu atmen. […] Vom Augenblick der Einatmung der Krankheitskeime bis zum Ausbruch vergehen in der Regel nur 1-2 Tage.“ Da nach Einschätzung des Autors „unter den heutigen Lebensverhältnissen von einer Unterbindung des Eisenbahnverkehrs nicht die Rede sein kann“, soll zumindest ein jeder „nur noch in den allerdringlichsten Fällen reisen“. 

Berichte aus Saarbrücken gibt es nach wie vor keine. Die Schreckensmeldungen kommen aus Zweibrücken. Die Stadt gehört nicht wie Saarbrücken und Neunkirchen zu Preußen, sondern zu Bayern: „In einzelnen Straßen gibt es kein Haus ohne Kranke, vielfach liegen ganze Familien darnieder. Den bisher geschlossenen Schulen der Stadt folgte heute auch die Realschule, in deren Lehrerkollegium die Krankheit ebenfalls eingekehrt ist. Am Landgericht musste die letzte Strafsitzung wegen Erkrankungen im Richterkollegium ausfallen. Eine Anzahl der Erkrankungen endet tödlich, wobei der rasche Verlauf besonders auffällt. Sowohl die einzelnen Grippeerkrankungen wie die Todesfälle verteilen sich auf Arm und Reich, vollständig gesunde, in der Blüte der Jahre stehende Leute werden ebenso angepackt, wie ältere und schwächlichere. […] Sämtliche Volks- Und Mittelschulen der Stadt sind geschlossen, der Unterricht ruht vollständig. Auch die Schließung des Stadttheaters und der Kinos wurde behördlich angeordnet. Das naßkalte Wetter begünstigt das Umsichgreifen der Krankheit. […] Die Anzahl der Todesfälle ist höher als bei allen bisherigen Epidemien: die Ortskrankenkasse verzeichnet täglich 80-100 Krankmeldungen.“

Nur aus den Todesanzeigen erfährt die Leserschaft, dass auch in Saarbrücken auffallend viele junge Frauen „ganz plötzlich und unerwartet“ sterben. Als Antwort auf einige Leserbriefe bekennt die Stadtverwaltung, dass die Müllabfuhr wegen Erkrankungen des Personals nicht arbeitsfähig ist. Das Postamt muss für den Fernsprechvermittlungsdienst Aushelferinnen engagieren. Schnellkurse für Krankenpflegerinnen werden angeboten. Im Anzeigenteil der Saarbrücker Zeitung häufen sich die Annoncen von Sarglageranbietern. Der Feuerbestattungs-Verein für das Saargebiet (e.V.) bietet Auskunft und Rat in Feuerbestattungsangelegenheiten, und als Vorbeugungsmittel gegen die Grippe wird der Saug-Inhalator „Taunus“ im „Westentaschenformat“ und zum „billigen Anschaffungspreis von 4,50 Mk. einschließl. eines Fläschchens 1a Eucalyptus-Oel“ empfohlen. 

Trotz der Ansteckungsgefahr fanden in Saarbrücken ununterbrochen kulturelle, Wohltätigkeits-, Bildungs- und andere Veranstaltungen statt. Mit der Revolution und der Ausrufung der Republik endete am 9. November 1918 die Monarchie. Die Macht übernahmen auch im Saargebiet Arbeiter- und Soldatenräte. Deren Herrschaft endete am 22. November mit dem Einmarsch der Franzosen. Dem Grippevirus war das alles gleichgültig. Im Jahresbericht des Bürgerhospitals am Reppersberg wurde festgehalten: „Zeitweise, besonders während der im August u. September im Stadtbezirk epidemisch auftretenden Ruhr- und Grippeerkrankungen, war das Haus überbelegt. Das gesamte im Hospital tätige Personal, das teilweise ebenfalls von der Grippe u. Ruhr erfasst wurde, hat in dieser Zeit Tag und Nacht in übermäßiger Anstrengung sehr viel geleistet.“

Wie sich die Seuche in saarländischen Bergwerken, Kasernen und Arbeitslagern ausgewirkt hat, ist leider unbekannt. Es wurden dazu bisher keine Dokumente gesichtet. Als einziges Beispiel konnte eine Kurzmeldung über die ehemalige Bergmannssiedlung Elversberg gefunden werden. Bei einer Einwohnerzahl von etwa 7000 wurden hier laut einer Meldung vom 12. Januar 1919 die Anzahl der Grippeopfer auf 80 geschätzt. Das sind noch vor der dritten Welle fast 1,2 Prozent der Bevölkerung. In Saarbrücken sollen etwa 550 Menschen bei 111000 Einwohnern gestorben sein (circa 0,5 Prozent). Davon waren 60 Prozent unter 30 Jahre alt, so die Schätzungen des Saarbrücker Stadtarchivars Hans-Christian Herrmann. Der Historiker Eckard Michels, der einen grundlegenden Aufsatz über die Grippepandemie in Deutschland veröffentlicht hat (Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jahrgang 58, 2010, Heft 1), schätzt, dass von den 57 Millionen Zivilisten in Deutschland in etwa 350000 an der Grippe gestorben sind (0,6 Prozent). Im Jahr 2019 wurde in Wiesloch ein alter Grabstein des Opfers Anna Katharina Ritzhaupt, die im Alter von 24 Jahren verstarb, zum ersten Denkmal in Deutschland zur Erinnerung an alle Opfer der Spanischen Grippe umgewidmet. 

Todesanzeige Saarbrücker Zeitung, 24.10.1918.
Auf dem Alten Friedhof in Saarlouis befindet sich das Familiengrab, in dem diese jungen Opfer der Grippe beigesetzt wurden.

Für die Hilfsbereitschaft und fachliche Unterstützung bedanke ich mich bei den Stadtarchiven Saarbrücken, Neunkirchen, Völklingen und Zweibrücken, beim Landesarchiv des Saarlandes, dem Historischen Saarstahlarchiv, beim Förderverein zur Denkmalpflege des Alten Friedhof Saarlouis e.V. und Frau Karin Hirn aus Wiesloch.